Nekrolog (Denkmal) J.S. Bach
L.C. MIZLER, MUSIKALISCHE BIBLIOTHEK [...]
DES VIERTEN BANDES ERSTER THEIL, LEIPZIG 1754
Quelle:
Jsbach.de (= BD III, rn. 666) Nederlandse
vertaling (opent nieuwe pagina)
Autoren: Carl Philipp Emanuel Bach und Johann Friedrich Agricola (Schüler).
Aus einem Brief Carl Philipp Emanuel Bachs an Johann Nikolaus Forkel vom 13. Januar 1775 geht hervor, dass der Text größtenteils aus seiner Feder stammt: „Meines seeligen Vaters Lebenslauf im Mizler, liebster Freund, ist vom seeligen Agricola u. mir in Berlin zusamgestoppelt worden u. Mizler hat blos das, was von den Worten: 'In die Societät' angehet, bis ans Ende, dazu gesetzt. Es (= Mizler's addendum) ist nicht viel wehrt. Der seelige war, wie ich u. alle eigentlichen musici, kein Liebhaber, von trocknem, mathematischen Zeuge“. (BD III, S. 288). Trotz der Formulierungen „zusamgestoppelt“ die frühere Korrespondenz Carl Philipps mit Forkel, dass er dem Text durchaus große Sorgfalt gewidmet hat: „Meines seeligen Vaters Lebenslauf im Mizler ist durch meine Hülfe der vollkommenste“ (BD III, Nr. 801, S. 284). Dies macht den Text zu einer erstklassigen Quelle für Bachs Leben, auch wenn viele Biografen die Anekdoten über das nächtliche Abschreiben von Noten oder den Wettstreit mit Marchand oft etwas herablassend betrachten. Es trifft jedoch zu, dass Bach selbst diese „saftigen Geschichten“ eher skeptisch sah: „Man hat viele abentheuerliche Traditionen von ihm. Wenige davon mögen wahrseyn u. gehören unter seine jugendliche Fechterstreiche. Der seelige hat nie davon etwas wißen wollen, u. also la.ßen Sie diese comischen Dinge weg.“ (ebd., S. 286).
Übersicht

Titel und Inhalt Musikalische Bibiothek IV/1 (1754)
... der im Orgelspielen Weltberühmte HochEdle Herr Johann Sebastian Bach, Königlich-Pohlnischer und Churffürstlich Sächsischer Hofcompositeur, und Musikdirector in Leipzig.
Johann Sebastian
Bach, gehöret zu einem Geschlechte, welchem Liebe und Geschicklichkeit
zur Musick, gleichsam als ein allgemeines Geschenck, für alle seine
Mitglieder, von der Natur mitgetheilet zu seyn scheinen. So viel ist
gewiß, daß von Veit Bachen, dem Stammvater dieses Geschlechts, an,
alle seine Nachkommen, nun schon bis ins siebende Glied, der Musik
ergeben gewesen, auch alle, nur etwan ein Paar davon ausgenommen,
Profession davon gemacht haben.
Dieser Veit, war im sechzehnten Jahrhunderte, wegen der Religion aus
Ungarn vertrieben worden, und hatte sich nachher in Thüringen
niedergelassen. Viele seiner Nachkommen haben auch in dieser Provinz,
ihren Aufenthalt gefunden. Unter vielen vom Bachischen Geschlechte,
welche sich in der praktischen Musik, auch in Verfertigung neuer
musikalischer Instrumente hervor gethan haben, sind außer unserm
Johann Sebastian, sonderlich folgende, wegen ihrer Composition
merkwürdig: 1) Heinrich Bach, ein im Jahr 1692 verstorbener Organist
in Arnstadt: 2) und 3) dessen beyde Söhne: Johann Christoph, Hof- und
Stadtorganist in Eisenach, welcher 1703 verstorben, und Johann
Michael, Organist und Stadtschreiber im Amte Gehren, Johann Sebastians
erster Schwiegervater: 4) Johann Ludewig Bach, Herzoglicher
Meynungischer Capellmeister: 5) Johann Bernhard Bach, Kammermusikus
und Organist in Eisenach, welcher 1749 in die | Ewigkeit gegangen ist.
Von allen diesen hat man noch Arbeiten in Händen, welche von der
Stärke ihrer Verfasser, so wohl in der Vocal- als
Instrumentalcomposition hinlänglich zeugen. Besonders ist obiger
Johann Christoph in Erfindung schöner Gedanken sowohl, als im
Ausdrucke der Worte, stark gewesen. Er setzte, so viel es nämlich der
damalige Geschmack erlaubte, sowohl galant und singend, als auch
ungemein vollstimmig. Wegen des erstern Puncts kann eine, vor
siebenzig und etlichen Jahren von ihm gesetzete Motete, in welcher er,
ausser andern artigen Einfällen, schon das Herz gehabt hat, die
übermäßige Sexte zu gebrauchen, ein Zeugniß abgeben: wegen des zweyten
Puncts aber, ist ein von ihm mit 22 obligaten Stimmen, ohne jedoch der
reinsten Harmonie einigen Eintrag zu thun, gesetzetes Kirchenstück
eben so merkwürdig, als dieses, daß er, auf der Orgel, und dem
Claviere, niemahls mit weniger als fünf nothwendigen Stimmen gespielet
hat. Johann Bernhard hat viel schöne, nach dem Telemannischen
Geschmacke eingerichtete Ouverturen gesetzet. Es würde zu verwundern
seyn, daß so brafe Männer, ausser ihrem Vaterlande so wenig bekannt
worden; wenn man nicht bedächte, daß diese ehrlichen Thüringer mit
ihrem Vaterlande, und ihrem Stande so zufrieden waren, daß sie sich
nicht einmal wagen wolten, weit ausser demselben ihrem Glücke
nachzugehen. Sie zogen den Beyfall der Herren, in deren Gebiete sie
gebohren waren, und einer Menge treuherziger Landsleute, die sie
gegenwärtig hatten, andern noch ungewissen, mit Mühe und Kosten zu
suchenden Lobeserhebungen, weniger, und noch dazu vielleicht
neidischer Ausländer, mit Vergnügen, vor. Indessen wird die Pflicht,
die uns oblieget, das Andenken verdienter Männer zu erneuern, und zu
befestigen, uns bey denen, welchen diese kleine Ausschweifung in die
musikalische Geschichte des Bachischen Geschlechts, etwan zu
weitläuftig scheinen möchte, hin|länglich entschuldigen können. Wir
kehren zu unserm Johann Sebastian zurück.
Er wurde im Jahre 1685 am 21. März, in Eisenach gebohren. Seine Eltern
waren: Johann Ambrosius Bach, Hof- und Stadtmusikus daselbst; und
Elisabeth, gebohrne Lemmerhirtin, eines Rathsverwandten in Erfurth
Tochter. Sein Vater hatte einen Zwillingsbruder mit Nahmen Johann
Christoph, welcher Hof- und Stadtmusikus in Arnstadt war. Diese beyden
Brüder, waren einander in allem, auch so gar was den
Gesundheitszustand, und die Wissenschaft in der Musik betrift, so
ähnlich, daß man sie, wenn sie beysammen waren, blos durch die
Kleidung unterscheiden mußte.
Johann Sebastian war noch nicht zehen Jahr alt, als er sich, seiner
Eltern durch den Tod beraubet sahe. Er begab sich nach Ohrdruff zu
seinem ältesten Bruder Johann Christoph, Organisten daselbst, und
legte unter desselben Anführung den Grund zum Clavierspielen. Die Lust
unsers kleinen Johann Sebastians zur Musik, war schon in diesem zarten
Alter ungemein. In kurtzer Zeit hatte er alle Stücke, die ihm sein
Bruder freywillig zum Lernen aufgegeben hatte, völlig in die Faust
gebracht. Ein Buch voll Clavierstücke, von den damaligen berühmtesten
Meistern, Frobergern, Kerlen, Pachelbeln [addendum
CPEBach an Forkel, 1773: außer Frobergern, Kerl u. Pachhelbel hat er
die Wercke von Frescobaldi, dem Badenschen Capellmeister Fischer,
Strunck, einigen alten guten französischen, Buxdehude, Reincken,
Bruhnsen u. seinem dem
Lüneburgischen Lehrmeister-Böhmen Organisten Böhmen
geliebt u. studirt.] aber, welches sein Bruder besaß, wurde
ihm, alles Bittens ohngeachtet, wer weis aus was für Ursachen,
versaget. Sein Eifer immer weiter zu kommen, gab ihm also folgenden
unschuldigen Betrug ein. Das Buch lag in einem blos mit Gitterthüren
verschlossenen Schrancke. Er holte es also, weil er mit seinen kleinen
Händen durch das Gitter langen, und das nur in Pappier geheftete Buch
im Schranke zusammen rollen konnte, auf diese Art, des Nachts, wenn
iedermann zu Bette war, heraus, und schrieb es, | weil er auch nicht
einmal eines Lichtes mächtig war, bey Mondenscheine, ab. Nach sechs
Monaten, war diese musicalische Beute glücklich in seinen Händen. Er
suchte sie sich, insgeheim mit ausnehmender Begierde, zu Nutzen zu
machen, als, zu seinem größten Herzeleide, sein Bruder dessen inne
wurde, und ihm seine mit so vieler Mühe verfertigte Abschrift, ohne
Barmherzigkeit, wegnahm. Ein Geiziger dem ein Schiff, auf dem Wege
nach Peru, mit hundert tausend Thalern untergegangen ist, mag uns
einen lebhaften Begriff, von unsers kleinen Johann Sebastians
Betrübniß, über diesen seinen Verlust, geben. Er bekam das Buch nicht
eher als nach seines Bruders Absterben, wieder. Aber hat nicht eben
diese Begierde in der Musik weiter zu kommen, und eben der, an das
gedachte Buch, gewandte Fleiß, zufälliger Weise vielleicht den ersten
Grund zu der Ursache seines eigenen Todes geben müssen? wie wir unten
hören werden.
Johann Sebastian begab sich, nachdem sein Bruder gestorben war, in
Gesellschaft eines seiner Schulcameraden, Namens Erdman, welcher
nunmehr, vor nicht gar langen Jahren, als Baron und
Rußisch-Kayserlicher Resident in Danzig, das zeitliche gesegnet hat,
nach Lüneburg, auf das dasige Michaels-Gymnasium.
In Lüneburg wurde unser Bach, wegen seiner ungemein schönen
Sopranstimme, wohl aufgenommen. Einige Zeit hernach ließ sich
einsmals, als er im Chore sang, wider sein Wissen und Willen, bey den
Soprantönen, die er auszuführen hatte, auch zu gleicher Zeit die
Octave tiefer mit hören. Diese ganz neue Art von einer Stimme behielt
er acht Tage lang: binnen welcher Zeit er nicht anders als in Octaven
singen und reden konnte. Hierauf verlohr er die Töne des Soprans, und
zugleich seine schöne Stimme. |
Von Lüneburg aus reisete er zuweilen nach Hamburg, um den damals
berühmten Organisten an der Catharinenkirche Johann Adam Reinken zu
hören. Auch hatte er von hier aus Gelegenheit, sich durch öftere
Anhörung einer damals berühmten Capelle, welche der Hertzog von Zelle
unterhielt, und die mehrentheils aus Frantzosen bestand, im
Frantzösischen Geschmacke, welcher, in dasigen Landen, zu der Zeit was
ganz Neues war, fest zu setzen.
Im Jahre 1703 kam er nach Weymar, und wurde daselbst Hofmusikus. Das
Jahr drauf erhielt er den Organistendienst an der neuen Kirche in
Arnstadt. Hier zeigte er eigentlich die ersten Früchte seines Fleisses
in der Kunst des Orgelspielens, und in der Composition, welche er
größtentheils nur durch das Betrachten der Wercke der damaligen
berühmten und gründlichen Componisten und angewandtes eigenes
Nachsinnen erlernet hatte. In der Orgelkunst nahm er sich Bruhnsens,
Reinkens, Buxtehudens und einiger guter französischer Organisten ihre
Werke zu Mustern. Hier in Arnstadt bewog ihn einsmals ein besonderer
starker Trieb, den er hatte, so viel von guten Organisten, als ihm
möglich war, zu hören, daß er, und zwar zu Fusse, eine Reise nach
Lübek antrat, um den dasigen berühmten Organisten an der Marienkirche
Diedrich Buxtehuden, zu behorchen. Er hielt sich daselbst nicht ohne
Nutzen, fast ein vierteljahr auf, und kehrete alsdenn wieder nach
Arnstadt zurück.
Im Jahre 1707. wurde er zum Organisten an der S. Blasiuskirche in
Mühlhausen berufen. Allein, diese Stadt konnte das Vergnügen nicht
haben, ihn lange zu behalten. Denn eine im folgenden 1708 Jahre nach
Weymar gethane Reise, und die daselbst gehabte Gelegenheit, sich vor
dem damaligen Herzoge hören zu lassen, machte, daß man ihm die Kammer-
und Hoforganistenstelle in Weymar | antrug, von welcher er auch so
gleich Besitz nahm. Das Wohlgefallen seiner gnädigen Herrschaft an
seinem Spielen, feuerte ihn an, alles mögliche in der Kunst die Orgel
zu handhaben, zu versuchen. Hier hat er auch die meisten seiner
Orgelstücke gesetzet. Im Jahre 1714. wurde er an eben dem Hofe zum
Concertmeister erkläret. Die mit dieser Stelle verbundenen
Verrichtungen aber, bestunden damals hauptsächlich darinn, daß er
Kirchenstücke componiren, und sie aufführen mußte. In Weymar hat er
nicht weniger verschiedene brafe Organisten gezogen; unter welchen
Johann Caspar Vogler, sein zweyter Nachfolger daselbst, vorzüglich
bemerket zu werden verdienet.
Nach Zachaus, Musikdirectors und Organistens an der Marcktkirche in
Halle, Tode, erhielt unser Bach einen Beruf zu desselben Amte. Er
reisete auch wircklich nach Halle, und führete daselbst sein
Probestück auf. Allein, er fand Ursachen, diese Stelle auszuschlagen,
welche darauf Kirchhof erhielt.
Das 1717. Jahr gab unserm schon so berühmten Bach eine neue
Gelegenheit noch mehr Ehre einzulegen. Der in Franckreich berühmte
Clavierspieler und Organist Marchand war nach
Dreßden gekommen, hatte sich vor dem Könige mit besonderm Beyfalle
hören lassen, und war so glücklich, daß ihm Königliche Dienste mit
einer starken Besoldung angeboten wurden. Der damahlige Concertmeister
in Dreßden, Volumier , schrieb an Bachen, dessen
Verdienste ihm nicht unbekannt waren, nach Weymar, und lud ihn ein,
ohne Verzug nach Dreßden zu kommen, um mit dem hochmüthigen Marchand
einen musikalischen Wettstreit, um den Vorzug, zu wagen. Bach
nahm diese Einladung willig an, und reisete nach Dreßden. Volumier
empfing ihn mit Freuden, und verschaffete ihm Gelegenheit seinen
Gegner erst ver|borgen zu hören. Bach lud hierauf den Marchand
durch ein höfliches Handschreiben, in welchem er sich erbot,
alles was ihm Marchand musikalisches aufgeben
würde, aus dem Stegreife auszuführen, und sich von ihm wieder gleiche
Bereitwilligkeit versprach, zum Wettstreite ein. Gewiß, eine grosse
Verwegenheit! Marchand bezeigte sich dazu sehr
willig. Tag und Ort, wurde, nicht ohne Vorwissen des Königes,
angesetzet. Bach fand sich zu bestimmter Zeit auf dem Kampfplatze in
dem Hause eines vornehmen Ministers ein, wo eine grosse Gesellschaft
von Personen vom hohen Range, beyderley Geschlechts, versammelt
war. Marchand ließ lange auf sich warten. Endlich
schickte der Herr des Hauses in Marchand s Quartier, um
ihn, im Fall er es etwan vergessen haben möchte, erinnern zu lassen,
daß es nun Zeit sey, sich als einen Mann zu erweisen. Man erfuhr aber,
zur größten Verwunderung, daß Monsieur Marchand an
eben demselben Tage, in aller Frühe, mit Extrapost aus Dreßden
abgereiset sey. Bach der also nunmehr allein Meister des Kampfplatzes
war, hatte folglich Gelegenheit genug, die Stärcke, mit welcher er
wider seinen Gegner bewafnet war, zu zeigen. Er that es auch, zur
Verwunderung aller Anwesenden. Der König hatte ihm dafür ein Geschenk
von 500 Thalern bestimmet: allein durch die Untreue eines gewissen
Bedienten, der dieses Geschenk besser brauchen zu können glaubte,
wurde er drum gebracht, und mußte die erworbene Ehre, als die einzige
Belohnung seiner Bemühungen mit sich nach Hause nehmen. Sonderbahres
Schiksal! Ein Franzose läßt eine ihm angebothene dauerhafte Besoldung,
von mehr als einem Tausend Thaler freywillig im Stiche, und der
Deutsche, dem jener doch durch seine Flucht, augenscheinlich den
Vorzug einräumet, kann nicht einmal eines ihm von der Gnade des Königs
ein für allemahl zugedachten Geschencks theilhaftig werden. |
Uebrigens gestund unser Bach dem Marchand den Ruhm
einer schönen und sehr netten Ausführung gerne zu. Ob aber Marchand
s Müsetten für die Christnacht, deren Erfindung und Ausführung ihm in
Paris den meisten Ruhm zu Wege gebracht haben soll, gegen Bachs
vielfache Fugen vor Kennern würden haben Stand halten können; das
mögen diejenigen, welche beyde in ihrer Stärcke gehöret haben,
entscheiden.
Nachdem unser Bach wieder nach Weymar zurück gekommen war, berief ihn,
noch in eben diesem Jahre, der damalige Fürst Leopold von Anhalt
Cöthen, ein grosser Kenner und Liebhaber der Musik, zu seinem
Capellmeister. Er trat dieses Amt unverzüglich an, und verwaltete es
fast 6 Jahre, zum größten Vergnügen seines gnädigen Fürsten. Während
dieser Zeit, ungefehr im Jahr 1722, that er eine Reise nach Hamburg,
und ließ sich daselbst, vor dem Magistrate, und vielen andern
Vornehmen der Stadt, auf der schönen Catharinenkirchen Orgel, mit
allgemeiner Verwunderung mehr als 2 Stunden lang, hören. Der alte
Organist an dieser Kirche, Johann Adam Reinken, der damals bey nahe
hundert Jahre alt war, hörete ihm mit besondern Vergnügen zu, und
machte ihm, absonderlich über den Choral: An Wasserflüssen Babylon,
welchen unser Bach, auf Verlangen der Anwesenden, aus dem Stegreife,
sehr weitläuftig, fast eine halbe Stunde lang, auf verschiedene Art,
so wie es ehedem die braven unter den Hamburgischen Organisten in den
Sonnabends Vespern gewohnt gewesen waren, ausführete, folgendes
Compliment: Ich dachte, diese Kunst wäre gestorben, ich sehe aber, daß
sie in Ihnen noch lebet. Es war dieser Ausspruch von Reinken desto
unerwarteter, weil er vor langen Jahren diesen Choral selbst, auf die
obengemeldete Weise gesetzet hatte: welches, und daß er sonst immer
etwas neidisch gewesen, unserm Bach nicht unbekannt war. | Reinken
nöthigte ihn hierauf zu sich, und erwies ihm viel Höflichkeit. Die
Stadt Leipzig erwählte unsern Bach im Jahre 1723, zu ihren
Musikdirector und Cantor an der Thomasschule. Er folgte diesem Rufe;
ob er gleich seinen gnädigen Füirsten ungern verließ. Die Vorsehung
schien ihn noch vor dem bald darauf, wider alles Vermuthen erfolgten
Tode des Fürsten, von Cöthen entfernen zu wollen, damit er zum
wenigsten bey diesem betrübten Falle nicht mehr gegenwärtig seyn
durfte. Er hatte noch das traurige Vergnügen, seinem so innig
geliebten Fürsten, die Leichenmusic von Leipzig aus, zu verfertigen,
und sie in Person in Cöthen aufzuführen.
Nicht lange darauf erklärete ihn der Herzog von Weissenfels zu seinem
Capellmeister; und im Jahr 1736, wurde er zum Königlichen Polnischen,
und Churfürstlichen Sächsischen Hofcompositeur ernennet: nachdem er
sich einigemal vorher, in Dresden, öffentlich, vor dem Hofe, und den
dasigen Musikverständigen, mit grossem Beyfalle, auf der Orgel hatte
hören lassen.
Im Jahre 1747. that er eine Reise nach Berlin, und hatte bey dieser
Gelegenheit die Gnade, sich vor Seiner Majestät dem Könige in Preusen,
in Potsdam hören zu lassen. Seine Majestät spielten ihm selbst ein
Thema zu einer Fuge vor, welches er so gleich, zu Höchstderoselben
besondern Vergnügen, auf dem Pianoforte ausführete. Hierauf verlangten
Seine Majestät eine Fuge mit sechs obligaten Stimmen zu hören, welchen
Befehl er auch, so gleich, über ein selbst erwähltes Thema, zur
Verwunderung des Königs, und der anwesenden Tonkünstler, erfüllete.
Nach seiner Zurückkunft nach Leipzig, brachte er ein dreystimmiges und
ein sechsstimmiges so genanntes Ricercar, nebst noch einigen | andern
Kunststücken über eben das von Seiner Majestät ihm aufgegebene Thema,
zu Pappiere, und widmete es, im Kupfer gestochen, dem Könige.
Sein von Natur etwas blödes Gesicht, welches durch seinen unerhörten
Eifer in seinem Studiren, wobey er, sonderlich in seiner Jugend, ganze
Nächte hindurch saß, noch mehr geschwächet worden, brachte ihm, in
seinen letzten Jahren, eine Augenkrankheit zu Wege. Er wolte dieselbe,
theils aus Begierde, Gott und seinem Nächsten, mit seinen übrigen noch
sehr muntern Seelen- und Leibeskräften, ferner zu dienen, theils auf
Anrathen einiger seiner Freunde, welche auf einen damals in Leipzig
angelangten Augen Arzt, viel Vertrauen setzeten, durch eine Operation
heben lassen. Doch diese, ungeachtet sie noch einmal Wiederholet
werden mußte, lief sehr schlecht ab. Er konnte nicht nur sein Gesicht
nicht wieder brauchen: sondern sein, im übrigen überaus gesunder
Cörper, wurde auch zugleich dadurch, und durch hinzugefügte schädliche
Medicamente, und Nebendinge, gäntzlich über den Haufen geworfen: so
daß er darauf ein völliges halbes Jahr lang, fast immer kränklich war.
Zehn Tage vor seinem Tode schien es sich gähling mit seinen Augen zu
bessern; so daß er einsmals des Morgens ganz gut wieder sehen, und
auch das Licht wieder vertragen konnte. Allein wenige Stunden darauf,
wurde er von einem Schlagflusse überfallen; auf diesen erfolgte ein
hitziges Fieber, an welchem er, ungeachtet aller möglichen Sorgfalt
zweyer der geschicktesten Leipziger Aerzte, am 28. Julius 1750, des
Abends nach einem Viertel auf 9 Uhr, im sechs und sechzigsten Jahre
seines Alters, auf das Verdienst seines Erlösers sanft und seelig
verschied.
Die Wercke , die man diesem grossen Tonkünstler zu danken hat, sind erstlich folgende, welche, durch den Kupferstich, gemneinnützig gemacht worden:
- Erster Theil der Clavier Uebungen, bestehend in sechs Sviten. |
- Zweyter Theil der Clavier Uebungen, bestehend in einem Concert und einer Ouvertüre für einen Clavicymbal mit 2. Manualen.
- Dritter Theil der Clavier Uebungen, bestehend in unterschiedenen Vorspielen, über einige Kirchengesänge, für die Orgel.
- Eine Arie mit 30 Variationen, für 2 Claviere.
- Sechs dreystimmige Vorspiele, vor eben so viel Gesänge, für die Orgel.
- Einige canonische Veränderungen über den Gesang: Vom Himmel hoch da komm ich her.
- Zwo Fugen, ein Trio, und etliche Canones, über das obengemeldete von Seiner Majestät dem Könige in Preussen, aufgegebene Thema; unter dem Titel: musicalisches Opfer.
- Die Kunst der Fuge. Diese ist das letzte Werk des Verfassers, welches alle Arten der Contrapuncte und Canonen, über einen eintzigen Hauptsatz enthält. Seine letzte Kranckheit, hat ihn verhindert, seinem Entwurfe nach, die vorletzte Fuge völlig zu Ende zu bringen, und die letzte, welche 4 Themata enthalten, und nachgehends in allen 4 Stimmen Note für Note umgekehret werden sollte, auszuarbeiten. Dieses Werk ist erst nach des seeligen Verfassers Tode ans Licht getreten.
Die ungedruckten Werke des seligen Bachs sind ungefehr folgende:
- Fünf Jahrgänge von Kirchenstücken, auf alle Sonn- und Festtage.
- Viele Oratorien, Messen, Magnificat, einzelne Sanctus , Dramata, Serenaden, Geburts- Namenstags- und Trauermusiken, Brautmessen, auch einige komische Singstücke.
- Fünf Paßionen, worunter eine zweychörige befindlich ist.
- Einige zweychörige Moteten.
- Eine Menge voll freyen Vorspielen, Fugen, | und dergleichen Stücken für die Orgel, mit dem obligaten Pedale.
- Sechs Trio für die Orgel mit dem obligaten Pedale.
- Viele Vorspiele vor Chorale, für die Orgel.
- Ein Buch voll kurtzer Vorspiele vor die meisten Kirchenlieder, für die Orgel.
- Zweymahl vier und zwantzig Vorspiele und Fugen, durch alle Tonarten, fürs Clavier.
- Sechs Toccaten fürs Clavier.
- Sechs dergleichen Sviten.
- Noch sechs dergleichen etwas kürzere.
- Sechs Sonaten für die Violine, ohne Baß.
- Sechs dergleichen für den Violoncell.
- Verschiedene Concerte für 1. 2. 3. und 4. Clavicymbale.
- Endlich eine Menge anderer Instrumentalsachen, von allerley Art, und für allerley Instrumente.
Zweymal hat sich unser Bach verheyrathet. Das erste mal mit Jungfer Maria Barbara, der jüngsten Tochter des obengedachten Joh. Michael Bachs, eines brafen Componisten. Mit dieser hat er 7. Kinder, nämlich 5 Söhne und 2 Töchter, unter welchen sich ein paar Zwillinge befunden haben, gezeuget. Drey davon sind noch am Leben, nämlich: Die älteste unverheyrathete Tochter, Catharina Dorothea, gebohren 1708; Wilhelm Friedeman, gebohren 1710. itziger Musikdirector und Organist an der Marktkirche in Halle; und Carl Philipp Emanuel, gebohren 1714, Königlicher Preußischer Kammermusikus. Nachdem er mit dieser seiner ersten Ehegattin 13. Jahre eine vergnügte Ehe geführet hatte, wiederfuhr ihm in Cöthen, im Jahre 1720. der empfindliche Schmerz, dieselbe, bey seiner Rückkunft von einer Reise, mit seinem Fürsten nach dem Carlsbade, todt und begraben zu finden; ohngeachtet er sie bey der Abreise gesund und frisch verlassen | hatte. Die erste Nachricht, daß sie krank gewesen und gestorben wäre, erhielt er beym Eintritte in sein Hauß.
Zum zweytenmahle verheyrathete er sich in Cöthen,
im Jahre 1721, mit Jungfer Anna Magdalena, Herrn Johann Caspar
Wülkens, Herzoglichen Weissenfelsischen Hoftrompeters, jüngsten
Tochter. Von 13. Kindern, nämlich 6. Söhnen und 7 Töchtern, welche ihm
diese gebohren hat, leben folgende sechs noch: 1) Gottfried Heinrich,
gebohren 1724. 2) Elisabeth Juliane Fridrike, gebohren 1726, welche an
den Naumburgischen Organisten zu S. Wenceslai, Herrn Altnikol, einen
geschikten Componisten, verheyratet ist. 3) Johann Christoph
Friedrich, gebohren 1732, itzo Hochreichsgräflicher
Schaumburg-Lippischer Kammermusikus. 4) Johann Christian, gebohren
1735. 5) Johanna Carolina, gebohren 1737. 6) Regina Susanna, gebohren
1742. Die Witwe ist auch noch am Leben.
Dieß ist die kurtze Beschreibung des Lebens eines Mannes, der der
Musik, seinem Vaterlande, und seinem Geschlechte, zu gantz
ausnehmender Ehre gereichet.
Hat jemals ein Componist die Vollstimmigkeit in
ihrer größten Stärke gezeiget; so war es gewiß unser seeliger Bach.
Hat jemals ein Tonkünstler die verstecktesten Geheimnisse der Harmonie
in die künstlichste Ausübung gebracht; so war es gewiß unser Bach.
Keiner hat bey diesen sonst trocken scheinenden Kunststücken so viele
Erfindungsvolle und fremde Gedanken angebracht, als eben er. Er durfte
nur irgend einen Hauptsatz gehöret haben, um fast alles, was nur
künstliches darüber hervor gebracht werden konnte, gleichsam im
Augenblicke gegenwärtig zu haben. Seine Melodien waren zwar sonderbar:
doch immer verschieden, Erfindungsreich, und keinem andern Componisten
ähnlich. Sein ernst|haftes Temperament zog ihn zwar vornehmlich zur
arbeitsamen, ernsthaften, und tiefsinnigen Musik; doch konnte er auch,
wenn es nöthig schien, sich, besonders im Spielen, zu einer leichten
und schertzhaften Denkart bequemen. Die beständige Uebung in
Ausarbeitung vollstimmiger Stücke, hatte seinen Augen eine solche
Fertigkeit zu Wege gebracht, daß er in die stärksten Partituren, alle
zugleich lautende Stimmen, mit einem Blicke, übersehen konnte. Sein
Gehör war so fein, daß er bey den vollstimmigsten Musiken, auch den
geringsten Fehler zu entdecken vermögend war. Nur Schade, daß er
selten das Glück gehabt, lauter solche Ausführer seiner Arbeit zu
finden, die ihm diese verdrießlichen Bemerkungen ersparet hätten. Im
Dirigiren war er sehr accurat, und im Zeitmaaße, welches er
gemeiniglich sehr lebhaft nahm, überaus sicher.
So lange als man uns nichts als die bloße Möglichkeit des Daseyns noch
besserer Organisten und Clavieristen entgegen setzen kann; wird man
uns nicht verdenken können, wenn wir kühn genug sind, immer noch zu
behaupten, daß unser Bach der stärkste Orgel- und Clavierspieler
gewesen sey, den man jemals gehabt hat.
Es kann seyn, daß mancher berühmter Mann in der Vollstimmigkeit auf
diesen Instrumenten sehr viel geleistet hat: ist er deswegen eben so
fertig, und zwar in Händen und Füssen zugleich, so fertig als Bach
gewesen. Wer das Vergnügen gehabt hat, ihn und andere zu hören, und
sonst nicht von Vorurtheilen eingenommen ist, wird diesen Zweifel
nicht für ungegründet halten. Und wer Bachens Orgel und Clavierstücke,
die er, wie überall bekannt ist, in der grösten Vollkommenheit selbst
ausführte, ansieht, wird ebenfalls nicht viel wider den obigen Satz
einzuwenden haben. Wie fremd, wie neu, wie ausdrückend, wie schön
waren nicht seine Einfälle im Phantasiren; wie vollkommen brachte er
sie nicht heraus! Alle Finger waren bey | ihm gleich geübt; Alle waren
zu der feinsten Reinigkeit in der Ausführung gleich geschickt. Er
hatte sich so eine bequeme Fingersetzung ausgesonnen, daß es ihm nicht
schwer fiel, die größten Schwierigkeiten mit der fließendesten
Leichtigkeit vorzutragen. Vor ihm hatten die berühmtesten Clavieristen
in Deutschland und andern Ländern, dem Daumen wenig zu schaffen
gemacht. Desto besser wußte er ihn zu gebrauchen. Mit seinen zweenen
Füssen konnte er auf dem Pedale solche Sätze ausführen, die manchem
nicht ungeschikten Clavieristen mit fünf Fingern zu machen sauer genug
werden würden. Er verstund nicht nur die Art die Orgeln zu handhaben,
die Stimmen derselben auf das geschickteste mit einander zu
vereinigen, und jede Stimme, nach ihrer Eigenschaft hören zu lassen,
in der größten Vollkommenheit; sondern er kannte auch den Bau der
Orgeln aus dem Grunde. Das letztere bewies er sonderlich, unter
andern, einmal bey der Untersuchung einer neuen Orgel, in der Kirche,
ohnweit welcher seine Gebeine nunmehr ruhen. Der Verfertiger dieses
Werks war ein Mann, der in den letzten Jahren seines hohen Alters
stund. Die Untersuchung war vielleicht eine der schärfsten, die jemals
angestellet worden. Folglich gereichte der vollkommene Beyfall, den
unser Bach über das Werck öffentlich ertheilete, so wohl dem
Orgelbauer, als auch wegen gewisser Umstände, Bachen selbst, zu nicht
geringer Ehre.
Niemand konnte besser, als er, Dispositionen zu neuen Orgeln angeben,
und beurtheilen. Aller dieser Orgelwissenschaft ungeachtet, hat es
ihm, wie er oftmals zu bedauren pflegte, doch nie so gut werden
können, eine recht grosse und recht schöne Orgel zu seinem beständigen
Gebrauche gegenwärtig zu haben. Dieses beraubet uns noch vieler
schönen und nie gehörten Erfindungen im Orgelspielen, die er sonst zu
Papiere gebracht, und gezeiget haben würde, so wie er sie im Kopfe
hatte. Die Clavicymbale wußte er, | in der Stimmung, so rein und
richtig zu temperiren, daß alle Tonarten schön und gefällig klangen.
Er wußte, von keinen Tonarten, die man, wegen unreiner Stimmung, hätte
vermeiden müssen. Andere Vorzüge, die ihm eigen waren, zu geschweigen.
Von seinen moralischen Character, mögen diejenigen reden, die seines Umgangs und seiner Freundschaft genossen haben, und Zeugen seiner Redlichkeit gegen Gott und den Nächsten gewesen sind.
[Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Friedrich Agricola]
In die Societät der musikalischen Wissenschaiften ist er im Jahr 1747 im Monat Junius auf Veranlassung des Hofraths Mizlers, dessen guter Freund er war, und welchem er Anleitung im Clavierspielen und in der Composition als einem noch in Leipzig Studirenden gegeben, getreten. Unser seel. Bach ließ sich zwar nicht in tiefe theoretische Betrachtungen der Musik ein, war aber desto stärcker in der Ausübung. Zur Societät hat er den Choral geliefert: Vom Himmel hoch da komm’ ich her, vollständig ausgearbeitet, der hernach in Kupfer gestochen worden. Er hat auch den Tab. IV . f . 16. abgestochenen Canon, solcher gleichfalls vorgeleget, und würde ohnfehlbar noch viel mehr gethan haben, wenn ihn nicht die kurze Zeit, indem er nur drey Jahre in solcher gewesen, davon abgehalten hätte. Das Singgedicht welches ihm zu Ehren als Mitglied im Nahmen der Societät von Herrn D . Georg Wenzky verfertiget worden, lautet also:
[Lorenz Christoph Mizler]
Dämpft,Musen, euer Saitenspiel!
Brecht ab, brecht ab die Freudenlieder!
Steckt dem Vergnügen itzt ein Ziel,
Und singt zum Trost betrübter Brüder.
Hört was euch das Gerüchte bringt:
Hört was für Klagen Leipzig singt.
Es wird euch stören:
Doch müst ihrs hören. |
Leipzig
Recitativ oder Erzählung.
Der groseBach, der unsre Stadt
Ja der Europens weite Reiche,
Erhob, und wenig seiner Stärcke hat,
Ist leider! eine Leiche.
Der Bach, der unsern Musensitz
So unvergleichlich zierte:
Bach der mit seinem angenehmen Witz
Mit seinem Saiten Klang
Und mannigfaltigem Gesang
Die Jugend, Frauen, Männer
Ja Fürsten, Könige, und alle ächte Kenner
Entzückte, lehrte, rührte:
Der muß iezt unsre Ruhe stören
Er stirbt und eilt zu höhern Chören.
Arioso: Der treue Bach erbleicht
Musik und Orgel schweigt.
O Ris, o Fall, o Schmerzen!
Wie bluten unsre Herzen!
Die Componisten oder Tonmeister.
Aria
Wo eilst duhin? Verehrungswerter Bach!
Erfülst du deine Zunft mit herben Weh und Ach?
Ach sollen deine Melodeyen
Uns ferner nicht erbauen, nicht erfreuen?
Gott lasse deinen Geist auf deinen Brüdern ruh’n
Damit sie ihre Kunst in voller Reife sehen,
Und seine Majestät nach Würdigkeit erhöhen.
Dem alles wollen wir zu seinem Ruhme thun.
Doch schreiet dir die Sehnsucht nach:
Wo eilst du hin, Verehrungswerter Bach?
Die Freunde der Tonkunst.
Erzählung
Wie fertig, we vollkommen,
War der verklärte Bach, |
Der uns sobald entnommen?
Wie reich, wie sonderbar,
Wie unergründlich war
Sein edler Geist,
Der sich der Sterblichkeit entreist?
Wie mannigfach
War seine Kunst,
Die aller Kenner Gunst
Nicht zog, vielmehr an sich gerissen.
Sein Flug war hoch, die Schwünge schön,
Sein Schmeicheln reitzend
Sein Schelten beitzend.
Man hörte ganz entzückt des Schöpfers Ruhm erhöhn.
Sein Klagen drang durch Ohren, Augen, Herz:
Sein Jauchzen linderte den allergrösten Schmerz.
O daß wir diesen Held der Virtuosen missen!
Doch werden wir an seinen Meisterstücken
Die er uns hinterläst,
Als einen edlen Rest,
Uns desto mehr erquicken.
Arioso: Jehova lasse doch die Virtuosen leben,
Die noch geschickt, die sanften Künste zu erheben!
Die Musikalische Gesellschafft.
Aria, zweystimmig
Klaget Brüder i die Wette,
Und beweinet den Verlust!
Unser Gott schlägt an den Knauf
Daß die stärksten Pfosten beben
Last den Tränen ihren Lauf
Und darneben
Lasset stets in euren Chören
Euers Bachs Verdienste hören.
Ach daß die beklemmte Brust
Luft zu ihren Klagen hätte
Klaget Brüder in die Wette,
Und beweinet den Verlust. |
Der Verherlichte,
Erzehlung
Weint nicht ihr Feunde und ihr Kenner,
Ey gönnt mir doch mein Glück.
Weint nicht ihr Brüder und ihr Gönner:
Wagt nur auf diese Höh den Blick.
O köntet ihr die reinen Töne hören,
Die unser Chor zu Gottes Lob anstimmt,
O köntet ihr das Musiciren hören,
Das hier kein Ende nimmt!
O köntet ihr die Künste lehren
Die meine Seele schon gelernt,
Seit dem sie sich entfernt!
Ihr eiletet mit regen Flügeln
Zu diesen Anmuths vollen Hügeln
Ihr wünschtet meiner Muse Glück,
Und rieft sie nicht zurück.
Drum tröstet euch
Und folget mir. Was man an mir verloren
Das hört man treflicher in unsern Toren.
Nichts, nichts ist diesen Sängern gleich
Drum tröstet euch.
Das Chor.
Ihr Bürger des Himmls, empfanget mit Freuden,
Den Bruder der unsere Künste geziert:
Und last uns mit innigst vereinigtem Singen
Dem Höchsten Preis, Ehre u. Herlichkeit bringen.
Wer hoft u. glaubt, dringt durch des Himmels Tor
Und preiset GOtt verklärt im Engelchor.
Drum Christe, hilf uns thun, was uns desfals gebürt
Damit wir auch von hier in deiner Gnade scheiden.
Ihr Bürger des Himmels etc.
Quelle: Bach-Dokumente, Band 3, Nr. 666
